Vor einigen Monaten lief ich an einem Plakat vorbei, das für die Joshua Tree Tour von U2 warb. Ich dachte mir: „Da werde ich bald 50 und war noch nie in meinem Leben auf einem großen Konzert in einem Stadion. Eigentlich wäre es schön, das mal erlebt zu haben…“  Mein bisher größtes Konzert waren ein paar Tausend Leute bei Mercedes Sosa in einer Halle – vor vielen, vielen Jahren.

Und so war ich gestern bei strömenden Regen auf dem ersten großen Konzert meines Lebens. Und fand es einzigartig schön. Weil ich nicht wusste, ob mehrere Stunden stehen das richtige für mich sind, habe ich mir einen Sitzplatz gegönnt… praktisch stand ich dann doch die meiste Zeit… weil es Musik gibt, die man nicht still sitzend anhören kann.

Mich hat das Konzert berührt. Die U2 Version von „singing in the rain“ werde ich wohl nie vergessen….

Mich hat berührt, dass die Musiker so unaufgeregt waren. Auch wenn es natürlich eine riesengroße Show mit allem, was dazu gehört, war, wirkte es nie so, als ob sie es nötig haben, eine Show abzuziehen. Sie haben gute Musik gemacht. Aber sich angenehm unaufgeregt dazu bewegt. Auch die Videos im Hintergrund waren weit ruhiger als erwartet.

Eine Einblendung zeigte ein geflüchtetes syrisches Mädchen, das gefragt wurde. „Wenn du vor Tausenden von Menschen sprechen könntest – was würdest du ihnen sagten?“ Ihre Antwort: „Hört nicht auf zu träumen. Ich träume auch, dass ich eines Tages Anwältin sein kann, um den Menschen beizustehen, die Hilfe brauchen!“ Statt Dinge in eigenen Worten zu formulieren, gaben die Musiker einem Teenie-Mädchen eine Plattform, um ihre Träume in ihrer Muttersprache (mit Übersetzung) in die Welt zu tragen.

Während U2 das nächste Lied spielte, wurde ein riesiges Porträt des Mädchens auf einem Banner durch die Reihen gegeben und gleichzeitig wurden Bilder  von einem riesigen Flüchtlingslager in Jordanien eingeblendet – und die ersten drei Artikel unseres Grundgesetzes.. Mich hat berührt, dass die einem Menschen Raum gaben, eine Stimme gaben…und stark und direkt an unsere Mitmenschlichkeit und Verantwortung erinnerten.

Dann sprach der Leadsänger Bono  darüber, dass in Konflikten und militärischen Auseinandersetzungen oft die Frauen besonders viel leiden. Sie erwähnten die junge, pakistanische Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai, die an diesem Tag ihren 20. Geburtstag hatte und baten alle Besucher, Happy Birthday für sie zu singen.

Anschließend ehrten sie die Frauen in ihrem Leben. Namentlich ihre eigenen vier Ehefrauen. Aber dann auch – während sie das nächste Lied spielten, die Frauen in ihrer, unserer Welt, die etwas bewegt hatten. Sie sagten, dass es unzählige gibt, deren Namen niemand kennt. Aber sie wollten nicht nur HIStory, sondern auch HERstory erzählen,. Dafür blendeten sie die Porträts und Namen von vielen mutigen und starken, künstlerischen und klugen Weltveränderer-Frauen ein: Sophie Scholl, Marie Curie, Anne Frank, aber auch Angela Merkel und Christine Lagarde – viele Namen der afrikanischen und asiatischen Frauen auf der Leinwand waren mir nicht bekannt.

Doch als ich die vielen Gesichter all der unterschiedlichen Frauen sah, liefen mir Tränen über Gesicht. Ich habe mich gefragt, wieso mich das so berührt. Ich habe es selbst nur selten erlebt, von Männern (oder Frauen) geringschätzig behandelt worden zu sein, weil ich eine Frau bin. Das war wohl nicht der Grund. Aber ich habe es auch selten erlebt, dass starke, erfolgreiche, kernige Männer Frauen in der Art und Weise respektieren und ehren wie U2 es gestern Abend tat.

 

Heute Morgen habe ich mir dann vorgestellt, wie es im Himmel sein wird. Ich schätze, dass es da auch ein großes Konzert geben wird. Ob Gott eher auf Handels Halleluja oder eher auf U2 steht, wird sich noch zeigen. Aber ich kann mir vorstellen,

dass dann die Gesichter all der Frauen (und Männer) sichtbar machen wird,  die so gut sie konnten ihr Leben gelebt und – wo es in ihrer Kraft stand – etwas Positives in der Welt bewegt haben.

Von daher war gestern Abend für mich ein kleiner Vorgeschmack des Himmels.